Fotoquelle: unsplash/ Ian Schneider

Ich sollte mal wieder...

to-do Liste

  • Mit dem neuen Sportkurs beginnen
  • Regelmäßig gesund kochen
  • Das Fahrrad reparieren
  • Die Sprachkenntnisse wieder auffrischen

Vielleicht kennst Du das auch: die to-do Liste, die sich schnell füllt mit Aufgaben, mit Dingen, die „mal eben“ erledigt werden müssen und mit Langzeitprojekten, die darauf warten, angepackt zu werden. Und dann gibt es die Punkte auf der Liste, die nie abgehakt werden, die sich wie ein lästiges Anhängsel von einer Liste auf die nächste schleichen und in uns negative Gefühle erzeugen. Sie hinterlassen einen Nach­geschmack von mangelnder Prioritätensetzung, von Aufschieben, von fehlender Disziplin und davon, einfach nicht genug zu schaffen. Denn eins ist ja mal ganz klar – allen anderen gelingt es immer ihre to-do’s zu erledigen und nur wir sind es, die an unseren Aufgaben und Vorhaben ewig verzweifeln.

sollte…

Aber gehen wir doch mal einen Schritt tiefer beim Betrachten Deiner Liste der Projekte. Schau Dir die Aufgaben an, die Du dort aufgeschrieben hast. Stellen wir vor jeden Punkt, der dort aufgelistet ist einmal das Wort ‚sollte‘. Dann wird daraus: „ich sollte mir einen vernünftigen Job suchen“ oder „ich sollte endlich die nächste Fremdsprache lernen“. Hier liegt mir direkt die Frage nach dem „Wieso?“ auf der Zunge. Wieso sollst Du eine neue Fremdsprache lernen? Die Antworten auf diese Frage können vielfältig sein und darin begründet liegen, dass man sich dieses Ziel auferlegt hat, dass man das Selbstbild von sich hat, besonders viele Sprachen zu sprechen, dass in der Familie alle mindestens drei Sprachen sprechen…

Spannend kann es auch sein, die dahinterliegenden Motive tatsächlich ein wenig genauer zu betrachten und zu fragen: „Wer sagt das?“. Denn auch hier macht es einen bedeutsamen Unterschied, ob ich mir ein Ziel aufgrund von eigenen Glaubenssätzen auf die Fahne geschrieben habe, ob ich einen Druck von der Gesellschaft empfinde, ob es familiär orientiert ist oder ob es tatsächlich mein eigener Wunsch ist. Als nächstes, wenn es denn tatsächlich mein eigenes Ziel ist, liegen zwei weitere Fragen nahe: „Ist der Wunsch noch aktuell?“ und „Ist das ein realistisches Projekt?“. Die erste Fragestellung fokussiert darauf, dass es nicht selten ist, dass wir an gesetzten Zielen festhalten, obwohl wir und/oder die Situation sich bereits verändert hat, sodass sie im Grunde genommen nicht mehr relevant für uns sind. Am Beispiel des Spracherlernens lässt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit in den Alltag anschaulich zeigen. Es kann durchaus sein, dass die neue Fremdsprache eines meiner intrinsisch motivierten Ziele darstellt, schaue ich aber auf meine Wochenplanung und die darin bereits fest verplanten Zeitfenster, muss ich gegebenenfalls feststellen, dass für einen vernünftigen Sprachlernprozess kein Raum vorhanden ist. Dann bleibt mir die Möglichkeit, dieses Projekt für einen Zeitpunkt in der Zukunft zu terminieren oder bereits jetzt realistische Zeitfenster zu schaffen. Aber den Punkt weiterhin als ein „ich sollte“ auf meiner Liste mitzuschleppen wohlwissend, dass die Zeit fehlt, verursacht lediglich ein unnötiges Gefühl von Unzulänglichkeit.

Das Modalverb ‚sollen‘ ist ein sehr starkes und wertendes Wort – besonders, wenn es zusätzlich im Konjunktiv als „sollte“ verwendet wird. Jedes Mal, wenn wir sagen: „ich sollte“, drücken wir eigentlich aus, dass wir falsch handeln, da wir eigentlich etwas tun müssten, es aber nicht getan haben, nicht tun und voraussichtlich auch nicht tun werden. Damit sind wir schlecht, unzureichend oder einfach nicht gut genug... wie auch immer die Interpretation ausfällt, meist ist es ein Urteil – ein negatives Urteil über die Person, die „etwas sollte“.

könnte…

Ganz gerne würde ich einen Transfer vorschlagen.

Modalverb gegen Modalverb.

Könnte gegen Sollte.

  • Wenn ich wirklich wollte, könnte ich eine neue Sprache lernen.
  • Wenn ich wirklich wollte, könnte ich mir einen vernünftigen Job suchen.

Dieser Austausch wirft ein völlig neues Licht auf die Liste und vermittelt uns eine Wahlfreiheit. Hier lässt sich einfacher fragen: „und wieso hast Du es bislang noch nicht gemacht?“. Ohne schlechtes Gewissen kann ich hier feststellen, dass es mir an Zeit mangelt und voraussichtlich auch in Zukunft an Zeit mangeln wird, also werde ich das Ziel vorerst nicht weiter verfolgen und es bei hoher Relevanz z.B. auf Juli 2017 konkret terminieren. Oder ich entdecke, dass es mir eigentlich nie wichtig genug war oder dass ich eigentlich gar nicht genau weiß, WIE ich das Thema angehen soll.

Mit dem Wechsel der beiden Verben entfällt die negative Bewertung der eigenen Person für Dinge, die vielleicht über Jahre mitgeschleppt wurden, die wir aber nie wirklich in unserem Leben haben wollten, die wir nur verfolgt haben, weil wir sie tun „sollten“, weil wir jemandem damit gefallen oder einen Standard erfüllen wollten, der nicht unserer ist.

wahre Ziele

Also runter mit den Dingen von der Liste! Denn Ziele, die uns zu einer negativen Selbstbewertung verleiten und die wir eigentlich sowieso nicht als erstrebenswert empfinden, rauben uns lediglich unsere gedanklichen Ressourcen und unsere Energie bei der Umsetzung.

Wichtig ist mir, an dieser Stelle zu verdeutlichen, dass ich nicht von den kleinen alltäglichen Erledigungen (wie z.B. Müll rausbringen oder Steuererklärung anfertigen) spreche, die wir alle umsetzen ‚müssen‘. Ich spreche von den to-do’s, die wir selbst unter dem Vorzeichen des ‚sollens‘ auf die Liste schreiben.

Auf diesem Weg kannst Du die freigewordene Kapazität für Themen verwenden, die Dich wirklich motivieren. Ziele, die Du tatsächlich erreichen möchtest und die für Dich wertvoll sind. Dabei spielt es erst einmal keine Rolle, ob für mich das Erreichen des Zielzustandes das Hauptziel oder die Durchführung der Aktivität als solche erstrebenswert ist - entscheidend ist, dass Du entscheidest (siehe auch Cognitive Evaluation Theory nach Deci & Ryan). Dabei lohnt es sich, sich mit seinen Zielen etwas intensiver auseinanderzusetzen und diese in langfristige Lebensziele (Was will ich eigentlich erreicht haben, wenn ich 80 bin und auf mein Leben zurückschaue? – ganz im Sinne des Poetry Slams von Julia Engelmann: „one day baby we’ll be old and think of all the stories that we could‘ve told….“), mittelfristige Pläne und kurzfristige Aufgaben herunter zu brechen. Denn hierdurch offenbart sich sehr deutlich, ob diese Ideen miteinander kompatibel sind und damit einen positiven Effekt aufeinander haben oder ob ich durch die Bewältigung meiner täglichen to-do’s eigentlich der Erfüllung meiner Lebensziele entgegenwirke. Es ist sinnvoll, sich in Abständen immer wieder mit diesen Fragestellungen auseinanderzusetzen und die größeren Ziele nicht als „in Stein gemeißelt“ hinzunehmen. Denn wir ändern uns und auch unsere Umwelt und die Situationen bleiben nicht konstant die gleichen. Nichtsdestotrotz ermöglicht eine konstante Auseinandersetzung mit unserer to-do Liste, dem was da drauf steht und der Verbindung zu dem bigger Picture, dass wir diese in Einklang bringen, uns von unnötigen Zielen verabschieden und mit Motivation und Leidenschaft auch dahin kommen, wo wir wirklich hinwollen.

 

Because…it is passion that will lead us to higher achievements and not obligations.

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