Über den eigenen Schatten springen

Verzeihen.

Wie häufig kommt es in Ihrem Leben vor, dass Sie noch an vergangene Verletzungen denken?

An Dinge, die jemand anderes gesagt oder getan hat, die Sie getroffen haben und die nun noch im Kopf nachhallen und einfach nicht schweigen wollen…

An Dinge, die nun die Beziehung, die Freundschaft, die Zusammenarbeit wie einen Schatten überlagern…

Vielleicht fällt Ihnen auch sofort ein aktuelles Beispiel ein.

Denn in unserem Zusammenleben, sind die kleinen Verletzungen ein tagtäglicher Begleiter.

Heute würde ich deshalb gerne  mit Ihnen einen Blick darauf werfen, wie es uns leichter gelingen kann, über unseren Schatten zu springen – zu verzeihen.

Das machen wir, indem wir die Redewendung „Über den eigenen Schatten springen“ einmal Wort für Wort unter die Lupe nehmen.

Dazu starten wir erst einmal mit dem zentralen Element: dem Subjekt.

 

…Schatten…

Der Schatten steht symbolisch für etwas Negatives, etwas, das an uns klebt und was wie eine dunkle Wolke über uns hängt. Analog wär das beim Verzeihen die Tat oder das Wort, was uns als etwas Negatives verfolgt. Um den Akt des Verzeihens erforderlich zu machen, muss überhaupt erst eine mich verletzende Tat oder ein verletzendes Wort gefallen sein. Noch dazu ist es entscheidend, dass wir hierfür jemand anderem eine Verantwortlichkeit zuschreiben. Er oder sie hat uns verletzt oder uns Unrecht getan (erste Schritte des Prozesses nach Schwennen).

Jemand trägt also buchstäblich die Schuld für unser Leid.

Die Beispiele für solche Situationen sind zahlreich: ein in letzter Minute abgesagter Termin, eine Unwahrheit oder auch im beruflichen Kontext eine unterlassene Beförderung, eine nicht weitergeleitete Information.

Komischerweise sind wir uns alle recht schnell einig, wenn es darum geht, zu bewerten, was moralisch richtig ist und was eben nicht. Im Akt des Wieder-zueinander-Findens geht es wesentlich langsamer und schwieriger zu.

Hat also so eine „Verletzung“ stattgefunden, tragen wir diese häufig lange Zeit mit uns herum und sie verfolgt uns wie ein lästiger Schatten, der die Beziehung zwischen mir und der anderen Person beeinträchtigt. Manchmal kommt es sogar so weit, dass dieser Schatten sich wie bei Peter Pan verselbstständigt und beginnt, sich in Form von Misstrauen in sämtliche, der Verletzungssituation ähnlichen Momente einzu­schleichen. Aber wie werde ich ihn los diesen Schatten?

 

...über…

Einfach ist es nicht – je nach Tiefe der Verletzung, je nach Häufigkeit der Wiederholung eines derartigen Ereignisses in unserem Leben, mag das ein ganz schwieriges Unterfangen sein.

Ganz wie die Dixie Chicks singen…“forgive sounds good – forget, i’m not sure I could – not ready to make nice“.

 

Und hier gilt es tatsächlich, einmal genauer hinzuschauen.

Was ist „verzeihen“ eigentlich und was ist es auch nicht?

 

Über ist über und eben nicht unter, vorbei, daneben oder darauf.

Genauso ist „verzeihen“ nicht „vergessen“.

Es bedeutet auch nicht Akzeptanz, Nachsicht, Billigung oder Rechtfertigung.

Verzeihen meint nicht, die Handlung als solches gut zu heißen, sie zu negieren oder sie zu akzeptieren.

 

Verzeihen bezieht sich auf eine Integration des Geschehenen und auf eine Orientierung nach vorne.

 

Einmal bildlich: wenn ich ÜBER meinen Schatten springe, der sich vorher vor mir befunden hat, so ist er nun nicht weg, sondern er ist immer noch hinter mir vorhanden, nur blockiert er nun nicht mehr mein Sichtfeld und bestimmt, was ich durch welchen Filter wahrnehme.

 

…den eigenen…

Diesen Part der Redewendung finde ich einen sehr entscheidenden. Denn er macht eines sehr deutlich:

 

Es handelt sich um unseren EIGENEN Schatten.

Es ist nicht der Schatten des Anderen.

 

Wenn uns tatsächlich oder in unserer subjektiven Wahrnehmung Unrecht getan wird, dann richten wir uns häufig in einer passiven Position ein. Uns wurde etwas zugefügt. Und für dieses „etwas“ ist der andere verantwortlich. Das mag für manche Fälle durchaus zutreffen. Aber für das Herumlaufen mit dem Schatten, sind wir selbst verantwortlich.

Es ist unser eigener Schatten, es sind unsere Gedanken, um die wir kreisen, unsere Racheideen, unsere Grübeleien.

Nicht nur, dass das innere Festhalten an dem schmerzhaften Thema dem Gegen­über im Zweifel gleichgültig oder es von ihm unbemerkt bleibt. Selbst wenn er oder sie Schuld empfindet und es ihr Leid tut.

Eines bleibt unabhängig von der Haltung unseres Gegenübers auf seine Handlung: die Tatsache, dass wir uns mit diesen negativen Gedanken am meisten schaden. Den Startschuss mögen andere gelegt haben, die Fortsetzungsgeschichte schreiben wir selbst.

 

…springen…

Nun bleibt das Verb des Satzes übrig.

Und dieses ist ein Verb der Aktion.

Springen.

Gäbe es nicht etwas, was vielleicht ein kleines – auch nur ein winziges bisschen leichter wäre?

Leider nein.

Gäbe es das, würden wir alle sofort und immer verzeihen.

Auf der positiven Seite hat das Verb „springen“ aber auch einen sportlichen Charakter. Sport tut gut – Sport hält fit und Sport ist gesund.

Ersetzten Sie Sport durch Verzeihen, und dann haben Sie die gleiche wissenschaftlich bewiesene Wirkung. (McCollough)

Und Sport wird mit jeder weiteren Durchführung leichter…

 

Aber kommen wir zurück zu der Aktion.  Aktion im Sinne von aktiv werden. Dies kann beim Thema Verzeihen auf zweierlei Arten geschehen:

  • entscheidungsbasiert
  • emotionsbasiert

Die entscheidungsbasierte Herangehensweise ist die längere der beiden Strecken. Hier geht es um das Bedürfnis nach Rationalität, darum, zu verstehen, warum mir dieses Leid zugefügt wurde. Dies geschieht zunächst auf Basis eines Entschlusses, der gefasst wird. Anschließend begibt man sich in die Perspektive des anderen und versucht, zu verstehen, was die Beweggründe für die Handlung waren. Auf dem emotionsbasierten Weg (der nicht selten auch auf den entscheidungsbasierten folgt), findet der Prozess direkt auf affektiver Ebene statt. Es geht um die Empathie mit dem anderen, die Bearbeitung der eigenen negativen Gefühle und das Erreichen einer inneren Gelassenheit und eines Endes der Wut/des Ärgers.

Häufig scheitert das Verzeihen, da der emotionsbasierte Weg mit seiner kurzen Wegstrecke charmant erscheint, aber die Verletzung evtl. zu tief für diese Abkürzung ist und die Wut und der Ärger weiterhin bestehen bleiben.

Unser vorschnelles Fazit: diese Tat ist nicht zu verzeihen! Weswegen wir weiterhin mit unserem Schatten weiterziehen. 

In solchen Fällen macht es Sinn, den längeren entscheidungsbasierten Weg zu wählen. Sich in einem ersten Schritt mit der Verletzung auseinanderzusetzen, sich die Frage zu beantworten, wieso dieses Verhalten oder diese Worte mich gerade derart getroffen haben. Die damit einhergehenden Gefühle bewusst wahrzunehmen, zu benennen. Ist der Zeitpunkt da (das kann und darf durchaus manchmal eine Zeit dauern), kommt nun der Entschluss, dass ich diesen Schatten loslassen will und verzeihen werde. Am besten ist es, dies mit einem individuellen Ritual zu unterstützen, um sich in Zukunft, bei wiederauftretenden Gedanken und Grübeleien daran zu erinnern, dass man ÜBER diesen Schatten gesprungen ist.

Damit Sie in Zukunft etwas leichter über Ihren Schatten springen können…

 

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