Bildquelle: Matt Briney/unsplash

Warum Schubladen das Denken erleichtern…                                          Über Vorurteile

„Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“, „Muslime sind Extremisten.“, „Schwarze sind ungebildet.“, „Deutsche sind langweilig und verklemmt.“, „Asiaten können keine Konflikte klären.“, „Südländer haben keine Arbeitsmoral.“

 

Das sehen Sie nicht so?

 

Ja, ich habe hier bewusst übertrieben.

Übertrieben, um zu provozieren.

Provozieren, da wir oft der Meinung sind, dass alle Anderen mit enggestrickten Vorurteilen durch die Gegend laufen, wir selbst aber natürlich nicht. Es ist jedoch so, dass wir sie alle haben. Wir alle haben die Tendenz, Bilder im Kopf zu bilden, darüber, wie die Welt sortiert ist.

 

Wieso ist das so?

 

Overload an Informationen

 

In jedem Moment, in jeder Sekunde treffen unzählige Informationen an all unseren Sinneskanälen an. Es sind so viele sensorischen Reize, die in unser Gehirn einströmen, dass wir sie gar nicht alle bewusst wahrnehmen und verarbeiten können. Dazu fehlt schlichtweg die Kapazität. Hier befindet sich quasi der erste Flaschenhals der Informationsverarbeitung.

 

Würden wir nicht über diesen Filter verfügen, würde unser Gehirn wahrscheinlich schon nach kürzester Zeit einen Datenoverload anmelden und der System­zu­sammen­bruch wäre vorprogrammiert.

Aber auch die tatsächlich eingehenden Informationen über unsere Umwelt und dessen, was wir wahrnehmen, sind sehr umfangreich und komplex.

 

Dies bedarf einer Ordnung und eines Systems.

 

 

 

Die Kommode schafft Ordnung

 

Hier schafft das menschliche Gehirn Abhilfe.

 

Es hat ein gut organisiertes assoziatives Netzwerk aufgebaut, in dem es das Wissen speichert. Man kann sich dieses Netzwerk wie ein verästeltes Kategoriensystem vorstellen. Dort gibt es eine Schublade mit der Aufschrift „Südafrikaner“ und darunter sind alle dazugehörigen Attribute und Eigenschaften gelistet. Daneben gibt es weitere Schubladen, vielleicht mit dem Label „Latino“, „Nordeuropäer“ oder „Ostdeutscher“. So sind alle Informationen gut einsortiert, auffindbar und organisiert.

 

Ich habe dies jetzt mal für geografische Gruppen exemplarisch angeführt. Das lässt sich aber natürlich auf jegliche Kategorien (Männer, Frauen, jung, alt…) abbilden.

 

Dabei kommt es für die Erstellung der Aufschriften auf den Schubladen nicht darauf an, dass eigene Erfahrungen mit diesen Gruppen gemacht wurden. Die Aufschriften kreieren sich viel häufiger sogar auf gesellschaftlich weitergegebenen Vorstellungen und Bildern. Dabei werden vermeintliche Ähnlichkeiten und Unterschiede für die Abgrenzung herangezogen. So zeigen Untersuchungen, dass bei Kindern bereits im Alter von 3 Jahren ethnische Vorurteile nachweisbar sind (Aboud, 1988).

 

Es schafft natürlich Orientierung und gibt Halt, wenn ich die oft komplexe Welt leicht einteilen kann, in schwarz und weiß, gut und böse, oben und unten. Denn dann bin ich auch nicht dazu angehalten, jede neu eingehende Information eingehend zu überprüfen und individuell zu betrachten.

 

Das ist auf Basis der Informationsflut durchaus verständlich – aber eben nicht immer hilfreich und fair…

 

 

 

munteres Einsortieren

 

Denn wenn man auf einen neuen Menschen trifft und ihn dann schnell einer Schublade zuordnet, werden dieser Person so auch die positiven wie negativen Merkmale der Schublade überschrieben, ohne dass dies tatsächlich der Realität entsprechen muss.

Das Hauptproblem bei unserer Kommode liegt allerdings nicht an der Kommode per se, die uns im ersten Aufschlag vielleicht ein wenig an Orientierung bieten soll, sondern an dem VORSCHNELLEN EINSORIEREN und am VERSCHLIEßEN der Schubladen.

 

Vorschnelles Einsortieren:

 

Bei diesem Thema stellen uns eigentlich sogar zwei Wahrnehmungs­ver­zerrungen ein Bein. Die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik (Kahneman &Tversky, Heuristiken in der Kognitionspsychologie) sorgt dafür, dass wir Ereignisse dahingehend bewerten, wie leicht wir uns an ein Beispiel hierfür erinnern. Heißt, dass wenn wir grade erst in der letzten Woche von einem Kollegen über seine negativen Erfahrungen mit einem japanischen Kooperationspartner bei einer Verhandlung gehört haben, diese auch leichter „verfügbar“ in unserem Gehirn sind. Wird uns selbst nun unser neuer Kooperationspartner aus Japan vorgestellt, wird eben diese negative Assoziation leichter in unserem assoziativen neuronalen Netzwerk aktiviert, da sie ja vor kurzem erst getriggert wurde.

 

Des Weiteren unterliegen wir ebenso schnell der Repräsentativitätsheuristik (Kahneman &Tversky, Heuristiken in der Kognitions-psychologie), der zufolge wir Personen den Kategorien zuordnen, wie „repräsentativ“ sie für diese Kategorie sind – Basisraten oder detailliertere Informationen werden dabei vernach­lässigt.

Als Beispiel ist das Experiment der beiden Forscher zu nennen: Hierbei gaben sie den Versuchspersonen einen Text über eine fiktive Person zu lesen. „Jack ist 45 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Er ist im Allgemeinen konservativ, sorgfältig und ehrgeizig. Er interessiert sich nicht für Politik oder soziale Fragen und verwendet den größten Teil seiner Freizeit auf eines seiner vielen Hobbys, wie z. B. Tischlern, Segeln und mathematische Denksport­aufgaben.“ Sie sollten angeben, ob Jack wohl eher Jurist oder Ingenieur sei. Dabei variierte die Basisrate (30 Juristen und 70 Ingenieure oder anders herum). Die Einschätzung wurde aber lediglich auf Basis der Personen­beschreibung vorgenommen.

 

Dies bedeutet für uns im Alltagserleben häufig, dass wir eine Person anhand ihres äußeren Erscheinungsbildes oder ihrer Herkunft vorschnell einer Schub­lade zuordnen, sodass die Italienerin bei einem Bewerbungsinterview aufgrund ihrer Nationalität in einer Schublade landet, die rein gar nichts mit ihren Qualifikationen für den Job zu tun hat.

 

 

Verschließen der Schubladen:

 

Einmal einsortiert, gibt es auch so schnell keine Neubewertung. Ist Kevin einmal als „auffälliger leistungsschwacher Schüler“ in der mentalen Kommode eingepackt, wird diese Einordnung auch nicht wirklich hinterfragt. Im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung provoziert unser eigener Umgang mit besagtem Kevin auch schubladenkonformes Verhalten bzw. unsere Wahrnehmung konzentriert sich stärker auf Ereignisse, die mit unseren Erwartungen übereinstimmen.

 

Im Notfall kreieren wir lieber noch ein Extrakästchen in unserer Schublade, als dass wir unser Ordnungssystem infrage stellen oder die Beschriftung der Schublade überdenken und ändern.

Nee, den Rotstift setzen wir wirklich nicht so gerne an – höchstens bei anderen…. ;-).

 

Sollten wir also wie in dem Buch „funny girl“ von Antony McCarten auf die Kurdin Azime treffen, die als witzige Komödiantin in der Burka auftritt, arbeiten wir nicht an einer besseren Beschreibung unserer Schublade „Muslimin“ oder hinterfragen diese Schublade als Ganze.

Nein, wir richten ein kleines Extrakästchen für Azime, „die Ausnahme“ ein – und gelöst ist unser Problem.

 

 

 

Einzigartigkeit

 

Denn so viel Ordnung unser System uns auch schafft.

 

So viel vermeintliche Sicherheit es uns auch gibt.

So leicht es die Welt „verstehbar“ macht.

 

…die blöde Kommode stielt uns so viel!

 

Sowohl aus der Perspektive des Kommodenbesitzers, als auch aus der Perspektive desjenigen, der in Schubladen verfrachtet wird.

 

Sie nimmt uns den Blick auf die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen.

Sie nimmt uns das Gefühl, in unserer Individualität wahrgenommen zu werden.

 

 

Lasst uns nicht Negieren, dass auch unser Gehirn in Schubladen funktioniert                                   – damit fängt es An.                                                                                                                                        Aber lasst uns diesen Automatismus JEDES Mal aufs Neue hinterfragen!

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